(Deutsch) Orte

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Terni

Die Industrialisierung hielt in den fruchtbaren Agrargebieten des heutigen Italien zunächst recht spärlich Einzug. Während der zweiten industriellen Revolution spielte Terni jedoch eine wichtige Rolle – nach der Annexion an das Königreich Italien entschied man sich dazu aus der Stadt ein militärisches und industrielles Zentrum zu machen und so entstand hier 1875 eine bis heute arbeitende Waffenfabrik, 1881 kam die passende Stahlfabrik dazu. Terni wurde bald „Manchester Italiens“ genannt. Die Arbeiter die in den Fabriken gebraucht wurden kamen oft aus den benachbarten Tälern, die sogar mit Straßenbahnen erschlossen wurden um sie schnell zur Fabrik und zurück zu transportieren. Mussolini ließ ab Ende der 1920er mit einem gigantischen System aus Röhren durch die Berge ganze Flüsse umleiten um an anderer Stelle deren Wasser zu nutzen um den Energiebedarf der Stahlwerke zu decken, die ihm seinen militärischen Nachschub sichern mussten. Und mit dem Bau der industriellen Anlagen mussten Felder und Haine weichen, die Bewohner der abgelegenen Bergtäler ringsum gaben ihr einfaches Leben auf und zogen hinunter in die Stadt.
Heute im Zeitalter der globalisierten Wirtschaft wirkt Terni eher abgehängt. Fast alle rechnen damit dass das heute von Thyssen Krupp betriebene Stahlwerk nicht mehr lange durchhalten kann. Seit sich das Versprechen des sicheren Arbeitsplatzes in der Industrie nicht mehr erfüllen kann, steigt auch das Bewusstsein dafür, welche Verschmutzung und welche Entfremdung die letzten Generationen dafür in Kauf genommen haben. Eine Entfremdung auch von der Landschaft, wie dem früher identitätsprägenden Fluss Nera, der heute spätestens flussabwärts von Terni zu dreckig zum Baden ist, aber auch flussaufwärts oft einfach komplett verschwindet, um ein Wasserkraftwerk zu betreiben. Mit der neuen Arbeitslosigkeit scheint das als Arbeiterviertel gebaute Terni-Nord gar keinen Sinn zu machen, fast ohne eigene soziale Orte und verbunden mit dem Stadt-Zentrum nur über eine vierspurige Straße ohne Fußweg. Die Menschen beginnen sich auch zu fragen was mit den gewaltigen Abraumhalden der Stahlfabrik passieren soll, und die Antwort des deutschen Ingenieurs scheint absurd: es werde eine Plastikplane darübergedeckt und Bäume daraufgepflanzt. Wichtig sei nur dass die Plane keine Löcher bekomme. Gleich nebenan im Vorort Papigno pflanzt eine Initiative alte Pfirsichsorten, für die der Ort einst berühmt war, die aber gleich neben der Karbidfabrik keine Chance hatten. Den Hirten die bisher neben der Stahlfabrik ihre Schafe weideten, ist dies seit 2016 verboten worden, 135 Jahre nach Eröffnung der Dioxinschleuder. Rund um Terni ist die Produktion von Käse und Olivenöl gerade im Aufschwung, als typische „Made in Italy“-Produkte können sie wenigstens noch exportiert werden. Wie überall in Italien wird der Anbau in großem Stil und meist von Geflüchteten erledigt, die bei der geringen staatlichen Unterstützung wirklich für jeden Job dankbar sind. Wovon es sich sonst noch im Umland am besten leben lässt: junge Bourgeoisie die Samstagnachmittag in die Täler fährt um sich beim Durchqueren von Wasserfällen zu Fuß mal wieder richtig mit der Natur verbunden zu fühlen und danach gut essen will. Steht man heute im Zentrum von Terni, so wirken die teilweise über 900m hohen Berge, die die Stadt umrunden wie eine fremdartige Kulisse am Ende der Straßenschluchten. Seit ein paar Jahren wird der Vorschlag verfolgt, die Stadt zu einem Zentrum der Kunst zu machen. Doch spricht man mit jungen Künstlern winken sie eher ab: eine Stadt die nicht mal ein Theater hat? Irgendwie funktioniert das wirtschaftliche System einfach weiter, und doch ist allen klar dass es so nicht weitergehen kann. So steht Terni exemplarisch für die post-industriellen Städte unserer Zeit, und exemplarisch auch die Frage die sich ergibt: Was tun?

(Rafael Brix, unofficial.pictures, 2018)

Leipzig